Münchner Merkur, 27.07.2005

„Rücksichtslose Exzesse" bei Abschiebung

Ausweisung von Kosovo-Familie: Bayerischer Flüchtlingsrat fordert Konsequenzen

Münchner Merkur: Die Abschiebung der sechsköpfigen Kosovo-Familie Avdija nach Slowenien vor vier Wochen lässt dem Bayerischen Flüchtlingsrat keine Ruhe. Normalerweise reißt der Kontakt nach der Ausweisung ab, doch in diesem Fall ist es anders: Matthias Weinzierl und Stephan Dünnwald vom Flüchtlingsrat haben die Familie vergangene Woche besucht. „Wir haben jetzt erstmals eine Dokumentation, was bei einer Abschiebung wirklich passiert", sagt Dünnwald. Und die Schilderungen seien teilweise erschreckend: „Es muss künftig verbindliche Regeln geben, damit solche rücksichtslosen Exzesse nicht mehr stattfinden."

Die Familie stammt aus dem Kosovo und wurde dort als Minderheit der Ashkali von albanischen Nationalisten bedroht und geschlagen. Aus diesem Grund floh sie Anfang des Jahres erst nach Slowenien und dann weiter nach Deutschland. Da sie aber im EU-Land Slowenien bereits Asylantrag gestellt hatte, sollte sie wieder dorthin gebracht werden.

Obwohl die Mutter schwere posttraumatische Belastungsstörungen und zwei Selbstmordversuche hinter sich hatte, wurde die Abschiebung nicht verschoben, kritisiert der evangelische Gemeindepädagoge Erwin Bartsch, der sich um die Familie gekümmert hat. „Die Frau wurde direkt aus dem Bezirkskrankenhaus abgeschoben, und das im Pyjama. Im Schlafanzug kam sie 16 Stunden später in Slowenien an", schimpft er.

Weinzierl und Dünnwald bemängeln, dass die Familie am Tag der Abschiebung nie wusste, was passiert, und immer wieder getrennt wurde. Auch das Argument der Mutter, sie habe Flugangst, sei ignoriert worden. „Schließlich wurde die Frau von fünf Polizisten mehr oder weniger zum Flugzeug geschleift, die Kinder mussten zusehen." Dabei sei der 39-Jährigen der Arm so verdreht worden, dass sie ihn noch drei Wochen später in einer Schlinge tragen musste und kaum bewegen kann.

Im Flugzeug schließlich sei die Frau ohnmächtig geworden - die Familie habe ihr nicht helfen dürfen, auch der begleitende Arzt habe sich nicht um sie gekümmert. „Die Kinder dachten, ihre Mutter ist tot", so Dünnwald. Und Weinzierl ergänzt: „Ehemann und Kinder haben nicht die Beamten, sondern vor allem den Arzt als unmenschlich betrachtet."

Der Flüchtlingsrat hält die Schilderungen der Familie für glaubwürdig und fordert Konsequenzen: Zum einen soll der Ablauf der Abschiebung vom Innenministerium und der Bundespolizei untersucht werden. Zum anderen soll Kontakt mit der Landesärztekammer aufgenommen werden, um die ethische Verantwortung der Ärzte bei Abschiebungen zu thematisieren.

Von Boris Forstner

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